Freilernen und Leistungsdenken – ein Paradox?

 

„Liebe Mareen,

gerne lese ich eure/deine Newsletter. Eines wundert mich jedoch immer, das möchte ich dich heute einmal fragen. Weil das genau heute, durch das Zitat, deutlich zu Tage tritt. Konkurrenzverhalten ist Gift – wenn man sich selbst und seine Umwelt beobachtet, kann man feststellen, dass das wahr ist.

Warum schickt ihr dann eure Kinder in Konkurrenz zu anderen? Warum ist es wichtig, auf dem Treppchen zu stehen? Warum kann man nicht einfach durch den Wald laufen, die Natur, den Geruch und die Geräusche wahrnehmen?

Ich freue mich auf deine Antwort.

 Herzliche Grüße“

Danke für dieses Feedback auf unseren wöchentlichen 5-Punkte-Freitag! Ich möchte mir heute einmal ein wenig Zeit nehmen, zu antworten.

Eine spannende Frage, und besonders im Kontext dessen, dass unsere Kinder ihre Entwicklung sehr frei gestalten können und gemeinhin wohl als „Freilerner“ durchgehen würden. (Wobei Begrifflichkeiten immer schwierig direkt abzugrenzen sind, denn für uns ist freies Lernen vielmehr eine Haltung dem Kind gegenüber als eine Lern- oder gar Schulform!)

Warum also wählen wir gemeinsam mit den Kids immer wieder sportliche Wettkämpfe? Ich finde die Frage berechtigt, allerdings denke ich auch, schließt sie in der Fragestellung schon Dinge aus, die ich gar nicht ablehne, und die Kinder erst recht nicht. Bis zum Tod unseres geliebten 4beinigen Begleiters waren wir quasi gezwungenermaßen täglich in Wald und Wiese unterwegs, und das oft mehrere Stunden. In dieser Zeit ging es nie um Leistung, sondern ums pure Sein. Diese Art der Bewegung war in dieser Lebensphase für uns perfekt, mit 3 Kindern unter 4 Jahren plus Hund ist man unterwegs gut ausgelastet 😉 Zusätzlich hat es ganz nebenbei für Gesundheit und (wenn man es so nennen will) „Training“ gesorgt, aber ohne jeglichen Leistungsgedanken und ohne Zeitnahme. Und ich möchte diese Lebensart auf keinen Fall missen. Sicher ist es jetzt momentan ohne Hund ein wenig schwerer, sich Zeiten dafür zu organisieren. Doch ich würde nicht behaupten, dass wir die Besinnung und den Naturgenuss verlernt haben 😉

Natürlich könnte man vermuten, dass man als Eltern seine Kinder zu Wettkämpfen „schleppt“, besonders, wenn man weiß, dass ich eigentlich familiär einen Hintergrund im Leistungssport habe (den allerdings im Moment keins unserer Kinder ausübt; sie machen viel Sport, aber nicht im Leistungskader). So habe ich also in den letzten Tagen alle Kids befragt, warum sie denn zB an Laufwettbewerben oder Triathlons teilnehmen. Hier in Stichpunkten die Antworten:

  • K (11):
    • Weil es Spaß macht, den Sport zu machen, irgendwann ist es langweilig immer nur gegen sich selbst anzutreten. Es ist zwar auch schön sich selbst zu verbessern, aber ich mag es, mich mit den anderen zu vergleichen um zu sehen wo ich mit meiner Leistung stehe.
    • Ich finde nicht, dass ich schlechte Beziehungen zu denen habe, gegen die ich antrete. – Ich sehe die anderen beim Wettkampf schon als Konkurrenz, aber im Prinzip als Kollegen, man unterstützt sich gegenseitig und freut sich auch für den anderen. Ich habe im Sport Kameraden und Mitstreiter, keine „Gegner“. Es macht viel mehr Spaß mit anderen gemeinsam, und man spornt sich gegenseitig an.
  • L (7):
    • Ist es wichtig zu gewinnen? – Nein – es macht einfach Spaß. Die Medaillen sind schön.
    • Wär es schön, wenn du immer gewinnen würdest? – Also manchmal ja, aber immer wäre das total langweilig. Man könnte sich überhaupt nicht weiter entwickeln und besser werden, wenn man immer gewinnt und immer alle gleich sind.
  • L (10):
    • Es macht Spaß und Turnen sieht gut aus. Wenn ich gut turne, dann kann ich zB auf dem Spielplatz besser klettern und schneller wo rauf steigen. Dafür brauche ich keinen Wettkampf. Wettkämpfe sind aber spannend, und außerdem finde ich meine Medaillen sehr schön. Es geht nicht drum besser zu sein als andere, sondern selbst eine gute Leistung für mich zu bringen. Aber manchmal orientiere ich mich an anderen. Und ohne Feedback kann man sich nicht weiterentwickeln. Beim Laufen sind besonders die Staffeln toll, dann läuft man als Team und alle arbeiten zusammen.
  • A (4):
    • Warum machst du mit beim Kinderlauf? – Ich will halt ab und zu mal gucken ob ich erster werde, weil es Spaß macht.

 

Die Kinder fanden es interessant, diese Frage zu beantworten, aber so recht verstanden haben sie den Impetus wohl nicht, denn sie sehen in beiden Haltungen keinen Widerspruch. Sie wissen, dass ihre Entwicklung zu einem großen Teil – je älter sie werden – immer mehr in ihren eigenen Händen liegt. Altersgemäß dürfen und müssen sie Verantwortung für sich selbst übernehmen. Ich sehe unsere Aufgabe als Eltern darin, sie auf diesem Entdeckungsweg zu unterstützen, und ihnen Möglichkeiten des Ausdrucks zu zeigen. Welchen Weg sie dann persönlich wählen, liegt an ihnen. Ich verstehe uns als menschliche Wesen, und wir bestehen aus Körper, Geist und Seele. Alle drei gehören zusammen und suchen stetig in Balance zu kommen. Unsere sportlichen Aktivitäten stellen also nur einen kleinen Teil unseres Alltags und Erlebens dar, und am wichtigsten: Sie bestimmen nicht über unseren Wert als Person. Aber sie vermitteln uns, dass es wertvoll ist, sich um seinen Körper zu kümmern (Bewegung, Ernährung, Schlaf), wir haben nämlich nur diesen einen.

Was bedeutet das konkret?

Wir führen unsere Kinder an verschiedene Formen des körperlichen Ausdrucks heran, unser ganzes Leben ist ein Kunstwerk. Sie dürfen Yoga kennenlernen, verschiedene Fitness-Formen, High Intensity-Training, Laufen, Schwimmen, Radfahren, Turnen, irgendwann auch mal eine Kampfsport-Art, Wassersport wie SUP oder Kajak, Tanz, Tischtennis und Tennis, Boccia, Eislaufen, Skifahren, Fußball, Reiten oder Wandern. Viele dieser Dinge gehören zum ganz normalen Alltag. Und in manchen davon nehmen sie auch an Wettkämpfen teil.

Die Gefahr, in Konkurrenz mit anderen sich selbst zu verlieren, oder rein aus dem Ego zu handeln, sehe ich eher bei uns Erwachsenen, als bei meinen Kindern. Für sie ist es in erster Linie Spaß und Gemeinschaft, und wir sind dankbar für so viele tolle Veranstalter, welche sich alle Mühe geben, den Kindern ein schönes Wettkampferlebnis zu verschaffen. (Hier sei exemplarisch der PSK Triathlon in Karlsruhe erwähnt, bei welchem wirklich jedes Kind bis zum Schluss unterstützt und angefeuert wurde, ein tolles Event rundum. Hier fallen am Abend alle froh ins Bett und wurden als Person gesehen und geschätzt – ja auch für ihre Leistung, aber zu allererst für ihre eigene Leistung, und nicht in Konkurrenz zu anderen. Jeder hat dafür trainiert und Zeit investiert, und ist am Ende sehr stolz auf sich, völlig unabhängig von einer Platzierung. Und trotzdem würde das ganze Event ohne Zeitnahme seinen Reiz verlieren, denn jeder steht an unterschiedlichen Punkten in seiner Entwicklung und möchte sich auch mit anderen messen.)

Freiheit und Verbundenheit – Gegenspieler, die sich unbedingt brauchen

Gerald Hüther beschreibt immer so schön, dass im Mutterleib ein Baby von Anfang an beides erlebt: absolute Freiheit (jeden Tag Wachsen und sich weiterentwickeln) und trotzdem hundertprozentige Verbundenheit und Sicherheit. Beide erscheinen als Gegenspieler, doch wirklich bedingen sie sich gegenseitig. Ohne Verbundenheit kein Wachstum, ohne („Leistungs-“) Grenze keine Freiheit zur Weiterentwicklung. Kinder im luftleeren Raum fordern früher oder später ein Feedback, oder suchen sich von selbst eines. Sie wollen sich entwickeln, sie wollen teilhaben, sie brauchen Herausforderung. Ob man dazu an einem Wettbewerb teilnimmt, oder den Sprung im Wald über den Bach immer weiter macht, ist letztlich Gemütssache.

Babys erleben diesen Zustand im eigentlichen Paradoxon simultan und im Prinzip suchen alle Menschen ihr Leben lang wieder in diesen Zustand zurück zu kommen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich deine Frage ein wenig beantworten konnte, und wünsche uns allen ein Erleben von Freiheit und Verbundenheit.

 

Eine konkrete Anmerkung noch zum Bezug auf das Zitat und den Konkurrenzgedanken (vielleicht war das ein wenig verwirrend und zu kurz gefasst 😉 Im 5-Punkte-Freitag hatte ich abschließend folgendes Zitat als letzten Punkt gesetzt:

„Das größte Problem heute ist, dass Mann und Frau sich nicht gegenseitig ergänzen, sondern in Konkurrenz zueinander treten. Dieses Konkurrenzverhalten ist unglaubliches Gift. Konkurrenzverhalten sorgt dafür, dass man dem anderen nicht mehr auf Augenhöhe begegnet. Dass man in seiner Andersartigkeit keine Ergänzungschance sieht, sondern ihn abwertet.“

Raphael Bonelli im Gespräch mit Markus Reder  https://www.grandios.online/ausgabe-2-hoffnung/warten-auf-mr-oder-mrs-right

Bonelli bezieht sich hier explizit auf das Verhalten zwischen Mann und Frau, welche jeweils ihre Männlichkeit bzw. Weiblichkeit nicht mehr leben können oder wollen, und somit im Gegenüber keine Ergänzung mehr sehen. Damit begründet er eine Abwertung des Anderen und dessen spezieller Fähigkeiten. – Generell würde ich nicht sagen, dass jedes Konkurrenzverhalten (zB im Sport) den Mitstreiter abwertet. Es kommt wie immer auf die Haltung an, und besonders im Sport zeichnet sich Größe dadurch aus, den Gegner zu respektieren und wertzuschätzen. Ein Übungsfeld für meine Kinder, für welches ich sehr dankbar bin.

Von | 2019-07-27T23:10:25+02:00 27. Juli 2019|Bewegung, Familie & ElternSein, Lernen & Entdecken, Schooling|0 Kommentare

Über den Autor:

4fach Mama, bewusstes freiheitsliebendes Wesen, liebe das ganz kleine und das ganz große, staunend über diese Lebensreise. Denkend, fühlend, neugierig.

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