Buchtipp: “Nein aus Liebe” von Jesper Juul

Ein klares Nein ist oft die liebevollste Antwort, die wir geben können. Warum fällt es so schwer, zu seinen Kindern, zu seinem Partner, zu Menschen, die uns wirklich am Herzen liegen, NEIN zu sagen?

„Nein aus Liebe“ wurde von Jesper Juul 2006 veröffentlicht und erschien 2008 in deutscher Sprache. Es ist ein Buch in dem sich die Reife des Wirkens von Juul widerspiegelt.

Die Pflicht, Ja zu sagen, tötet die Lust und fördert die Sehnsucht.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 10)

Im Kern des Buches geht es um die Abgrenzung der eigenen Persönlichkeit und der Verteidigung persönlicher Interessen. Im Gegensatz zu vorangegangen Werken vertieft Juul in diesem Buch, wie man sein persönliches Ich durch ein liebevolles Nein stärkt. Gerade in engen Beziehungen wird ein Nein zu schnell als persönliche Ablehnung interpretiert, geht es doch aber vor allen Dingen darum ehrlich zu sein und die enge Verbundenheit zum Gegenüber zu suchen.

„Es ist ein Nein, das vollkommen unverblümt und sozusagen reinen Gewissens daherkommt und nicht verschleiert oder mit latenten Vorwürfen behaftet ist, wie das beim Nein der Erwachsenen häufig der Fall ist. Diese nehmen das Nein der Kinder oft persönlich und übersehen dabei, dass die Kinder diese Aussage in erster Linie an sich selbst und nicht gegen die Erwachsenen richtet.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 11)

Ein Nein des Kindes zu seinen Eltern bedeutet oft ein Ja zu sich selbst. Wir müssen uns eingestehen, dass der durch uns unbehelligte Raum dem Kind oder Jugendlichen die Entwicklungschance gibt seine eigene soziale Kompetenz zu entwickeln. Weder Schule noch Kindergarten können das lehren.

Zu einer persönlichen Sprache finden

Schon längst ist uns klar geworden, dass weniger das Wort, sondern vielmehr die Musik die Stimmung macht. Wir Eltern sind das Buch in dem unsere Kinder lesen. Die vielen Worte und Belehrungen sind wenig wert, da der Nachwuchs viel mehr auf unser Verhalten und unsere Kommunikation achtet. Juul appelliert in diesem Kapitel Abstand von künstlicher, auf das Kind ausgerichteter, Sprache zu nehmen. Genau dadurch schwächen wir unsere Botschaft, um die es uns ganz ursprünglich geht. Kein Kind ist zu klein oder zu unverständig um eine freundliche und direkte Ansprache zu verstehen und verarbeiten zu können. Wenn wir uns auf diese Art der Kommunikation fokussieren, wird es nicht zu dem oft von Eltern beklagten mangelhaftem „Zuhören“ der Kinder kommen bzw. lassen sich so die aufgetretenen Missverständnisse auflösen.

„Wenn wir über uns selbst reden, können wir den anderen nicht kränken oder verletzen – was wir jedoch fast immer tun, wenn wir uns über den anderen auslassen.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 44)

Eine mangelnde Autorität und Überzeugungskraft den eigenen Kindern gegenüber, begegnet uns in ähnlicher Form im Umgang mit anderen Erwachsenen. Ein Mangel an Respekt und Verständnis führt zu Kränkungen und gefühlter Ignoranz. Doch meist das Gegenteil wollen wir erreichen, vermeiden aber eine direkte Ansage, weil uns die Courage fehlt. Das klare „Ich möchte gerade nicht“ oder „ich brauche gerade Zeit für mich. – ich will jetzt nicht mit dir spielen“ lässt das Kind vielleicht schmollend zurück, zeigt ihm aber auch den klaren Standpunkt seines Gegenübers. Frust kann das Kind bewältigen, fehlende Anerkennung, Nähe und Empathie führt aber auf Dauer zu Einsamkeit.

Der Unterschied zwischen einem Wunsch und einem Bedürfnis

Als Eltern ist es unsere Aufgabe die fundamentalen Bedürfnisse (Essen, Schlaf, Nähe usw.) der Kinder zu erfüllen. Es ist aber nicht unsere Pflicht jedem Bedürfnis des Nachwuchs‘ nachzukommen. Doch Kinder haben die Gabe genau diese vorbehaltslos auszudrücken, entwickeln aber erst über die Zeit das Gespür für den Unterschied, was sie wirklich brauchen und worauf sie einfach nur Lust haben. Juul rät Eltern weder den Kindern diese Wünsche mittels Belehrungen vorzuhalten noch sich „[…] von der momentanen Lust und Unlust ihrer Kinder abhängig zu machen.“

„Kinder können nicht verwöhnt werden, indem sie ‚zu viel‘ von dem bekommen, was sie wirklich brauchen.“  (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 52)

Vielmehr leben wir in der Herausforderung, dass der Nachwuchs unser Nein nicht mehr akzeptiert, weil sie zu lange von uns das falsche bekommen haben – und vor allem aus den falschen Gründen.

Wenn ein Nein verhandelbar ist

In diesem Kapitel ermutigt Juul uns Eltern flexibel mit der Meinung zu einem Wunsch zu sein. Oftmals leben wir noch in dem alten Muster der Konsequenz. Haben wir einmal eine Entscheidung getroffen, rücken wir davon nicht mehr ab, selbst wenn wir tief in unserem Inneren davon Abstand genommen haben. Das Ändern der Meinung wird als Schwäche gewertet. Aber das ist nicht der Fall. Juul kommt hier zu einer der entscheidenden Aussagen des Buches:

„Wenn ein Erwachsener und ein Kind sich zunächst unterschiedlich zu einem spontanen Wunsch des Kindes stellen, ist es nicht so wichtig, ob ihr Gespräch dazu führt, dass einer von beiden die Meinung wechselt oder ob beide an ihren Standpunkten festhalten. Es ist die Qualität der Diskussion, die über den Charakter ihrer Beziehung und ihre Beurteilung des Ergebnisses entscheidet.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 79)

Warum es ohne ein echtes Nein kein echtes Ja geben kann

In diesem Kapitel betont Juul die Tatsache, dass wir nur ein JA aus voller Überzeugung zu einander sagen können, wenn wir gleichzeitig die Freiheit haben NEIN zu sagen. Das gilt gleichermaßen für Liebesbeziehungen aber eben auch für das Verhältnis zu unseren Kindern. Die Freiheit zu entscheiden ist ein Privileg für uns Menschen. Wenn uns diese beschnitten oder gänzlich genommen wird, leidet unser persönliches ICH und die Qualität unserer Beziehungen darunter.

„Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, Nein zu sagen – dies zumindest so empfinden -, bleiben nur drei gleichermaßen unbefriedigende Möglichkeiten: das lauwarme Ja, die Lüge oder die Resignation.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 82)

Konfrontieren uns die Kinder mit ihrem persönlichen Nein, sollte unsere Reaktion darauf frei von Kritik, Überredungsversuchen, Motivation, Druck, Drohungen oder Versprechen sein. Daraus entwickeln sich nur festgefahrene Situationen mit hohem Frustpotential auf beiden Seiten, in dem wir am Ende nur unsere Würde verlieren. Vielmehr sollten wir unseren Wunsch erneut deutlich und direkt gegenüber dem Kind ausdrücken uns anschließend aber zurücknehmen. Dieser freie Raum wirkt oft wie ein Wunder, wenn wir ihn nicht manipulativ als Werkzeug benutzen.

Lernen mit gutem Gewissen Nein zu sagen

In diesem Kapitel ermutigt Juul uns ehrlich und mit reinem Gewissen zu unserem Nein zu stellen. Es hebt unsere Beziehungen in allen Belangen auf ein neues Level. Nicht immer wird unser Gegenüber davon begeistert sein, aber ihm wird absolut klar, woran er mit uns ist.

„Das persönliche Nein ist in jeder Hinsicht das beste Nein.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 96)

Aus „falscher“ Freundlichkeit drücken wir uns oft nur schwammig und ausweichend aus, nehmen dabei aber in Kauf den „echten“ Kontakt zu unserem Partner oder den Kindern zu reduzieren oder gänzlich zu verlieren. Aus traditioneller Sicht halten wir es vielleicht für peinlich oder egoistisch klar unsere Meinung zu äußern und ablehnend zu reagieren, jedoch weisen wir damit niemals eine Person zurück, sondern drücken lediglich unseren Standpunkt zu einer Sache aus.

„Das persönliche Nein entspringt unseren individuellen Wertvorstellungen, Erfahrungen, Gefühlen und Grenzen und ist vor allem durch unsere Eigenverantwortung […] motiviert: diejenige Verantwortung also, die jeder Einzelne für seine Gefühle, Gedanken, Handlungen und Entscheidungen übernehmen muss, sofern er diese nicht ignorieren will.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 98)

Statt das Kind immer und immer wieder zu vertrösten, um dann letztlich nur mit schlechtem Gewissen zum Spielen zu kommen, wäre ein klares: ‚Nein jetzt nicht – ich spiele in 30min mit dir‘ die einzige ehrliche Kommunikation, die eine enge Verbindung zu dem Gegenüber erhält.

„Wenn Kinder mit Fürsorge und Respekt für ihre persönlichen Grenzen behandelt werden, dann hören sie tatsächlich auf das, was ihre Eltern sagen […]. Vielleicht nicht immer und vielleicht auch nicht mit großer Begeisterung, doch im Großen und Ganzen tun sie es.“ (J.Juul: Nein aus Liebe; Seite 120)

„Nein aus Liebe“ ist eine Einladung zu einer unverblümten, offenen, direkten und persönlichen Kommunikation zurückzukehren. Denn es sei festgehalten: Wir können nur dann aus vollem Herzen Ja zu uns sagen, wenn wir zu einem authentischen Nein in der Lage sind.

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Von | 2017-11-18T00:46:54+00:00 18. November 2017|Attachment Parenting, Beziehung, Bücher, ElternSein|2 Kommentare

Über den Autor:

Benjamin ist Ehemann einer wunderbaren Frau und Papa 4 freier & wilder Kinder. Er reist für sein Leben gern und das am liebsten mit dem Wohnmobil.
Skifahren, wandern und Technik aller Art sind seine Hobbys und Leidenschaft.
Wenn er nicht gerade bloggt, recherchiert, schreibt oder Tatort guckt (meist nachts), “schafft” er als gutbürgerlicher Ingenieur für guten Sound im Fahrzeug.

2 Kommentare

  1. Mariele 15. Dezember 2017 um 19:26 Uhr - Antworten

    Tolles Buch. Hab ich tatsächlich auch gerade hier gelesen und mich bei vielem ertappt und ermutigt gefühlt. Eigene Grenzen wahrnehmen und setzen zu dürfen, meinen Kindern, aber auch meinem weiteren Umfeld gegenüber ist absolut lebensbejahend und gesund. Ich muss aber gestehen, dass mir das umsetzen nicht so leicht fällt, wie ich es im Buch beschrieben bekomme, anhand der Beispiele. Mag eine persönliche Sache sein. Aber auf Dauer denk ich dass so mancher Konflikt vielleicht gar nicht entstehen muss, wenn ich rechtzeitig lerne Grenzen wahrznehmen und sie zu formulieren.
    Liebe Grüße an euch alle. Mariele

    • Benjamin 15. Dezember 2017 um 22:50 Uhr - Antworten

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich fand das Buch eben auch sehr ermutigend. Gerade auch aus Sicht eines Papas. LG nach DoKi!

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