Buchtipp: „Grenzen, Nähe, Respekt“ von Jesper Juul

Mit Konflikten in der Familie umgehen:

Sich vom Kind abgrenzen und trotzdem Nähe zeigen

Hast du dich schon immer mal gefragt wie ein Kind trauert? Was ist unsere Rolle als Eltern dabei – Nähe suchen oder Abstand geben? Die Trauer thematisieren oder das Kind auf andere Gedanken bringen? Und welche Bedeutung haben eigentlich Konflikte innerhalb unserer Familie?

„Grenzen, Nähe, Respekt“ ist eines der ersten Bücher Juuls. Die dänische Originalausgabe erschien bereits 1998 und kam zur Jahrtausendwende unter o.g. Titel als Übersetzung nach Deutschland.

Im Kern des Buches geht es um die Bedeutung von Konflikten und wie man in einer gesunden Familienbeziehung mit diesen umgeht. Juul widerspricht Eltern, die Konflikte als ihre eigene Unfähigkeit ansehen, Beziehungen zu gestalten. Konflikte zeigen nicht unsere Überforderung mit Situationen auf, sondern dienen dazu, dass beide Seiten etwas lernen können. Jedoch tragen stets wir Erwachsenen die Verantwortung dafür, wie diese ausgetragen und letztendlich gelöst werden. Die Schuld dafür Kindern zu geben ist ein unsouveränes Verhalten und führt schließlich zu destruktiven Mustern.

Macht und Verantwortung

Wir Eltern sollten uns stets bewusst sein, welche Auswirkung die psychische Macht hat, deren Rolle wir innehaben. Damit entscheiden wir, ob „[…] es eine Art und Weise gibt, Dinge zu tun, die konstruktiv und gesund ist für die Familie, im Gegensatz zu einer destruktiven und ungesunden.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 16+17)

Uns sollte immer wieder klar sein, dass ausschließlich wir als Eltern für die Qualität des wechselseitigen Umgangs miteinander verantwortlich sind! Kinder können und sollten diese Verantwortung nicht übernehmen (müssen).

Die persönlichen Grenzen

Leider herrscht noch immer die Meinung, dass Kinder Grenzen brauchen. Hier tritt Juul zu Recht konsequent entgegen. Nicht Kinder benötigen Grenzen, sondern wir Erwachsenen müssen persönlichen Grenzen für uns selbst setzen. Wichtig dabei ist, dass wir diese, für uns wichtigen Linien, „verteidigen“ und in persönlicher Sprache gegenüber unseren Kindern kommunizieren. Persönlich deshalb, weil die Grenzen individueller Art sind. Was den einen stört, ist für den anderen kein Problem. Es gibt hier kein schwarz und weiß, sondern eine persönliche Botschaft an das Kind, was mir als Vater und Mutter gerade in dem Moment nicht gut tut – wo ich die Rücksichtnahme des Kindes einfordere. Wichtig dabei ist, dass wir unseren Standpunkt frei von Kritik und Herablassung gegenüber dem Kind formulieren.

Kinder suchen keine Grenzen, sie wollen Kontakt. Das Zusammensein mag ausreichend sein, und die Eltern mögen durchaus mit den Kindern reden, aber es fehlt an der Qualität dessen, was sie sagen.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 30)

Die Kommunikation der Kinder ist von Anfang an persönlich. Wenn sie uns um etwas bitten, wollen sie stets zwei Dinge gleichzeitig: die materielle Sache und den Kontakt zu uns. Ohne die Sache kommen sie gut aus, aber niemals ohne den Kontakt zu uns.

Der gesunde Konflikt

Konflikte rufen in uns automatisch ein ungutes Gefühl hervor, sind wir doch von unserer Natur her auf harmonische Beziehungen aus. Kommt es in unserer Familie zu einem Streit, versuchen wir oft diesen zu umschiffen, totzuschweigen oder davon abzulenken. Juul betont, dass wir Erwachsenen die Fähigkeit verlernt haben uns diesen Konflikten zu stellen oder halten sie sogar für etwas Kindisches. Jedoch sind sie vielmehr die Fähigkeit uns ein Leben lang psychisch gesund zuhalten.

„Wir alle besitzen eine angeborene Fähigkeit, Konflikte so durchzuhalten, dass wir an ihnen wachsen und uns durch sie weiterentwickeln.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 62)

Er ermutigt uns Eltern den Konflikten mit unseren Kindern (und in unseren Liebesbeziehungen) nicht aus dem Weg zu gehen sondern diese „auszuhalten“. Wenn wir in aufrichtiger und persönlicher Weise auftreten und unsere Grenzen kommunizieren, können wir dadurch nur gewinnen und tiefe Verbindungen in unseren sozialen Beziehungen schaffen.

Unglücklich oder nur frustriert

In diesem Kapitel erklärt Juul, wie wir erkennen, ob unsere Kinder nur frustriert oder wirklich unglücklich sind. Ersteres ist ein notwendiger Lernprozess und sollte von uns nur passiv begleitet werden. Sind Kinder aber wirklich unglücklich benötigen sie oft unsere aktive Hilfe diesen (tiefen) Schmerz zu verarbeiten. Dabei ist es wichtig, dass wir unser ehrliches Mitgefühl zeigen und keine schlauen Sprüche klopfen. Der Schmerz ist echt – es sollte von ihm niemals abgelenkt werden.

Konfrontation bedeutet Nähe

Mit dieser Ablenkung manipulieren wir unsere Kinder. Gerade bei Konfrontationen und daraus entstehenden Konfliktsituationen sollten wir stets beim Thema bleiben. Denn Konfrontation bedeutet Nähe. Juul bringt das Beispiel des abendlichen Zu-Bett-Geh-Kampfes. Dem „Du sollst Zähne putzen“ steht das „Ich habe heute keine Lust“ entgegen.  

„In einer Situation wie dieser, in der es nicht viel zu verhandeln gibt, ist es besser, dem Kind Zeit zu geben. […] Die Zeit, von der ich spreche, ist ein oft übersehenes Wundermittel bei Konflikten mit Kindern in allen Altersstufen.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 65)

Lust und Bedürfnisse

„Ein Kind verwöhnen heißt nicht, dass es zu viel bekommt, worauf es Lust hat, sondern zu wenig von dem, was es braucht.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 80)

In diesem Kapitel ermutigt uns Juul herauszufinden, was unsere Kinder wirklich wollen. Geht es wirklich um die Sache oder wohl möglich um ein tieferes Bedürfnis nach Nähe, Liebe o.ä. Es ist wichtig die Kinder in Entscheidungen des Familienalltags mit einzubeziehen ohne sich dabei verpflichtet zu fühlen jeglichen Wunsch anstandslos zu erfüllen. 

„Es ist wenig sinnvoll, die Lust der Kinder zur Richtschnur des Familienlebens zu machen.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 79)

Konsequenz und Strafe

In einigen Familien kämpfen Eltern damit das Kind dazu zubringen ihre Person ernst zu nehmen. Scheitert dies, ersetzen Erwachsene es oft mit Konsequenzen, die das Kind hoffentlich ernster nimmt und damit anfängt die Eltern zu respektieren.

„Konsequenzen, das ist in der Geschichte der Erziehung ein schöneres Wort für Strafe.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 83)

Auf diese Art und Weise wird es aber nicht gelingen. Es führt lediglich dazu, dass Kinder die Konsequenzen fürchten statt ihre Eltern in einer gleichberechtigten Beziehung achten. Es führt uns wieder dahin ohne Drohungen unsere Grenzen den Kindern zu verdeutlichen und diese aus Liebe uns selbst gegenüber zu respektieren.

Schuld und Verantwortung

Am Ende des Buches betont Juul die Verantwortung, die wir als Eltern tragen. Die meisten Menschen bekommen Kinder, um sich selbst einen Wunsch zu erfüllen, nicht um der Kinder willen. Aus diesem Bewusstsein heraus sollte jedes Elternteil Verantwortung für seine Fehler übernehmen. Wir sollten uns weg vom Schuldgefühl hin zum Schuldbewusstsein entwickeln.

„Die Erkenntnis des Erwachsenen wird zum konstruktiven Moment seines Lebens“  und entlastet das Kind von Schuldgefühlen für die Probleme verantwortlich zu sein. (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 89)

Der Erwachsene sollte niemals das Kind anflehen zu vergeben, da man ihm damit die Verantwortung übergibt über Schuldgefühle des Erwachsenen zu entscheiden.

„Kinder fühlen sich wohl mit Eltern, die mit sich zufrieden sind, ohne selbstzufrieden zu sein.“ (J.Juul; Grenzen, Nähe, Respekt; Seite 91)

„Grenzen, Nähe, Respekt“ ist ein Buch für alle Eltern und Erwachsene, die sich eine gesündere und tiefere Beziehung zu ihren oder ganz allgemein zu allen Kindern wünschen. Mir hat es unglaublich viele Anregungen und Inspirationen gegeben und kann es daher nur wärmstens weiterempfehlen.

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Von | 2017-11-03T21:43:26+00:00 3. November 2017|Attachment Parenting, Beziehung, Bücher, ElternSein, Familie & ElternSein|0 Kommentare

Über den Autor:

Benjamin ist Ehemann einer wunderbaren Frau und Papa 4 freier & wilder Kinder. Er reist für sein Leben gern und das am liebsten mit dem Wohnmobil.
Skifahren, wandern und Technik aller Art sind seine Hobbys und Leidenschaft.
Wenn er nicht gerade bloggt, recherchiert, schreibt oder Tatort guckt (meist nachts), „schafft“ er als gutbürgerlicher Ingenieur für guten Sound im Fahrzeug.

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